Historische Wahrheit oder Legende?
Über 600 Mädchen soll sie getötet haben, um sich in deren Blut baden zu können, um so ewige Jugend zu erlangen.
Erzebet Bathory lebte von 1560 bis 1614. Die Familie Bathory ist ein fürstliches Geschlecht aus Sieben-bürgen, das im 15. Jahrhundert in Ungarn heimisch wurde. Erzebets Bruder Stephan Bathory war König von Polen.
Erzebet Bathory wird immer wieder in Verbindung mit der Legende Graf Draculas gebracht. Tatsächlich gibt es Zusammenhänge zwischen der Familie Bathory und Dracula. Der mächtigste Vorfahr von Erzebet, Fürst Stephan Bathory, half Dracula 1476 mit seinen Truppen den walachischen Thron zurückzuerobern und zu Erzebets Lebzeiten ging ein wichtiges Lehnsgut, das einst Fürst Dracula gehörte, in Erzebets Besitz über. Andreas Varesi geht in seinem historischen Roman "Das Geheimnis der Bathory" (Facility Management and Publishing Dresden Limited 2005) sogar soweit zu vermuten, dass Erzebet dieses Gut der Familie Dragul auch zu dem Zweck erworben hat, weil sie dort das Geheimnis für die verjüngende Kraft des Blutes für den menschlichen Organismus vermutete.
Die Aufzeichnungen des Jesuitenpaters Laszlo Turoczi von 1742 (Ungaria suis cum regibus data, vgl. Farin, 2008: 365) gehören zu den ersten in einer langen Reihe von Texten über Erzebet Bathory. Viele der nachfolgenden Autoren beriefen sich auf Turoczi und übernahmen die Aussage der "gottlosen Blutbäder" und dass Erzebet Bathory sich aus fehlgeleiteter weiblicher Eitelkeit darin badete, um sich schöner zu fühlen (vgl. Farin 2008: 29). Es dauerte nicht lange, bis aus Turoczis Aussage eine Tatsache geworden war, es findet sich in der Folge kaum ein Text, auch wissenschaftlich, ohne den Hinweis auf die Blutbäder. Wie die Bathory das Blut gewann, wie sie sich damit wusch und darin badete, wird immer ausführlicher beschrieben und gipfelt schließlich in der Phantasie der eigens dafür konstruierten Eisernen Jungfrau als "Blutpresse".
Ferdinand Strobl Edler von Ravelsberg beschreibt in seinem 1894 veröffentlichten Buch "Die Blutgräfin, Ein Sitten- und Characterbild" die Sage um Erzebet Bathory mit folgenden Worten: "Eine vornehme Dame, ein stolzes Weib dessen hohe Stirn viel Intelligenz verrät. Eine Kopfhaube verbirgt dem Beschauer das wallende schwarze Haar. Des morgens wurde dasselbe sorgsam gekämmt. Die frisierende Zofe musste aber besonders behutsam sein, weil die Herrin das Zausen und Reißen absolut nicht vertragen konnte. Geschah die Ungeschicklichkeit dennoch, so setzte es Maulschellen ab, da die Gräfin sehr empfindlich war. Einmal schlug sie so derbe zu, dass das Kammermädchen aus Mund und Nase zu bluten begann. Dabei war ein Tropfen Blutes auf die züchtigende Hand gefallen. Mit Ekel und Widerwillen griff die Gräfin nach einem Tuch. Zu Ihrem größten Erstaunen jedoch bemerkte sie, dass das Mädchen unbeabsichtigt beigetragen hatte den Teint zu verbessern. Augenblicklich blitzte in der hohen Stirn ein entsetzlicher Gedanke auf. Der alternde Körper musste gewiss blendend weiß, schimmernd wie Alabaster werden, wenn mehr Menschenblut herbeigeschafft wurde. Man will wissen, dass zu diesem Zwecke eine 'eiserne Jungfrau' in Funktion gesetzt wurde. Während die Zofe, von tausend Stahlspitzen durchbohrt, das Leben aushauchte, saß die Herrin in einer Badewanne, in welche das warme Blut hinabrieselte. In der Folge fand das Experiment seine Wiederholung, sooft die Gräfin zu bemerken glaubte, dass der Teint einer Auffrischung bedürfe" (in Farin 2008: 17).
Soweit die Legende. In den Verhörprotokollen und Zeugenaussagen des Prozesses um Erzebet Bathory wird jedoch mit keinem Wort erwähnt, dass sie Blutbäder genommen hätte. Es ist von Quälereien die Rede, wie Schlagen mit einem Stock, Übergießen mit kaltem Wasser, Stechen mit Nadeln und Messern, Aufschneiden mit einer Schere, Verbrennen mit glühendem Eisen usw. Viele der Opfer wurden bis zum Tode gequält - sowohl von Erzebet Bathory selbst als auch von ihren Bediensteten. Die Angaben über die Zahl der Opfer schwanken in den Protokollen zwischen 30 und 80, ein Zeuge sprach von 650 und beruft sich dabei auf das Tagebuch der Erzebet Bathory, in das alle Opfer eingetragen worden seien. Auch in Bezug auf den Ort der Folterungen klaffen Legende und Zeugenaussagen auseinander. Die Legende rankt sich um einen einzigen Ort: die Burg Cachtice mit ihren labyrinthischen Gängen und Gewölben. Erzebet Bathory quälte ihre Opfer laut Prozessakten allerdings in allen ihren Burgen und Schlössern und auch auf Reisen (vgl. Farin 2008:67 ff.).
Das Gericht verurteilte zwei Dienerinnen und Mittäterinnen der Bathory zum Tod auf dem Scheiterhaufen, nachdem ihnen zuvor die Hände abgehackt wurden. Ein weiterer Diener wurde enthauptet. Erzebet Bathory selbst wurde 1611 zu lebenslänglicher Gefangenschaft auf ihrem Schloss verurteilt, in dem sie 1614 starb.
Quellenangabe:
Michael Farin (2008): Heroine des Grauens. Elisabeth Bathory. Kirchheim, München
Andreas Varesi (2005): Das Geheimnis der Bathory, Facility Management and Publishing Dresden Limited
Ein Gespräch mit Julie Delpy
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Wie lange spielen Sie schon mit dem Gedanken, das Leben der Erzebet Bathory zu verfilmen?
Vor etwa acht Jahren fing ich an, mir erste Notizen zu machen im Hinblick auf einen möglichen Film. Die Figur selbst kannte ich natürlich schon länger, aber eher flüchtig. Je mehr ich über sie las, desto mehr faszinierten mich die Bathory und ihre ins Mythische übersteigerte Angst vor dem Älterwerden. Dieses Symbolhafte am Universum der Bathory hat mich begeistert. Und dass vieles von dem, was sich an Geschichten um sie herum rankt, eigentlich erst im 19. Jahrhundert erfunden wurde, lange nach ihrem Tod. Wie ihre Legende sich im Laufe der Zeit verändert hat und immer umfangreicher wurde, das interessierte mich irgendwann fast noch mehr als ihre wirkliche Vita. Deshalb habe ich in meinem Film versucht, beides miteinander zu verbinden: die Legende und die wahre Geschichte dieser Frau.
Dient Ihnen die Geschichte der Bathory vielleicht auch als Vehikel für eine eigene Botschaft: als Abrechnung mit dem gegenwärtigen Schönheitswahn und Botox-Boom?
Ich will mich in diesem Film nicht über die Verwendung von Botox lustig machen, auch wenn ein zeitnahes Element in dem Umstand steckt, dass das Älterwerden bei Frauen mit Ängsten verbunden ist. Ich persönlich fürchte mich nicht vor dem Älterwerden, war aber schon als Kind von diesem Vorgang fasziniert. Es geht eigentlich auch mehr um das "Verrotten". Der Film dreht sich nicht um eine Frau, die älter wird und deshalb den Verstand verliert. Es ist der Verlust des Geliebtwerdens, der sie in den Wahnsinn treibt und dazu noch die Angst vor dem Tod, vor dem Verrotten. Das ist etwas, was ich schon eher nachempfinden kann, diese Angst vor dem Tod und vor dem Verlust der Liebe. Ich glaube, ich genieße das Älterwerden, weil ich mir sage, älter auszuschauen bedeutet auch, dass man am Leben geblieben ist. Wenn ich alt bin, bin ich wenigstens noch nicht tot. Liebeskummer kann ich grundsätzlich nachvollziehen und auch verstehen, dass man deswegen durchdreht. An gebrochenem Herzen zu sterben mag aus der Mode sein, aber mir gefällt der Gedanke.
Ist die Bathory für Sie die erste Serienmörderin der Geschichte?
Zumindest glaube ich, dass es ihr, wie den meisten Adeligen ihrer Zeit, nicht besonders schwer fiel zu töten. Damals genügte schon der geringste Vorwand. Sie erscheint mir wie eine weibliche Version von Gilles de Rais, der die Sage von König Blaubart inspirierte und meines Erachtens, genau wie Erzebet, dämonisiert wurde. Was daran liegt, dass Geschichte in der Regel von den Siegern geschrieben wird und Sieger nicht unbedingt ein Interesse an der Wahrheit haben. In der Geschichte haben Männer immer wieder Frauen von der Macht ferngehalten, indem sie auf Beispiele wie die Bathory verwiesen, oder behaupteten, Frauen seien zu oberflächlich, zu verrückt, oder gar zu böse, um zu herrschen. Man denke nur an die Hexenverfolgungen. Die echte Bathory war wohl sehr rücksichtslos und hat vermutlich Viele, die ihr nicht gehorchten, töten lassen. Einige Adelige könnten die Vorfälle aber auch aufgebauscht haben, um sie loszuwerden, damit einer ihrer entfernten Cousins den Besitz übernehmen konnte. Viele waren gegen sie, weil sie so mächtig war. Auch dieser Aspekt scheint mir interessant.
Zur Vorbereitung las ich sehr viel über die Bathory, allerdings keine fiktiven Texte, sondern alte Dokumente und Prozessakten, die man zum Teil extra für mich übersetzt hat. Ich machte mich mit ihrer Biografie vertraut und damit, auf welche Weise sie nachfolgenden Generationen als Inspiration diente, etwa Bram Stoker für seinen Roman "Dracula". Auf den Gemälden, die es von ihr gibt, sieht sie sehr osteuropäisch aus, gekleidet im ungarischen Stil ihrer Zeit. Mein Kostümbildner und ich entschieden allerdings, uns nicht ganz so sklavisch an die Realität zu halten. Denn die Kleidung der Bathory wirkt nicht sehr dramatisch. Mir schwebte etwas vor, das mehr an den nordeuropäischen Stil erinnern sollte, strenge Kostüme mit protestantischem Look. Ob sie im Film genau die Art von Hut trägt, die man im Ungarn des 16. Jahrhunderts trug, interessierte mich weniger, als einen stimmigen visuellen Ausdruck zu finden.
Ist Ihnen die Bathory eigentlich sympathisch, oder macht sie Ihnen womöglich gar Angst?
Ich muss zugeben, dass sie keine besonders sympathische Figur ist. Aber beim Drehbuchschreiben neige ich grundsätzlich dazu, eher unsympathische Figuren zu entwerfen. Ich bin mit den Filmen der 60er und 70er Jahre aufgewachsen, als selbst Hollywood es wagte, Helden zu präsentieren, die nicht unbedingt nette Menschen sind. Etwa in DER PATE oder TAXI DRIVER, oder nehmen wir all die Kerle aus den Filmen der Nouvelle Vague oder den jungen Mann aus Kieslowskis DU SOLLST NICHT TÖTEN, der grundlos einen Taxifahrer ermordet und den man trotzdem bis zum Ende des Films begleitet. Das war ein bisschen meine Absicht bei DIE GRÄFIN: Der Zuschauer soll sehen, was für schreckliche Dinge die Bathory tut, aber auch Verständnis und Mitgefühl für sie aufbringen. Immerhin ist sie trotz allem Horror, den sie verbreitet, ein Mensch. Ich will überhaupt nicht entschuldigen, was sie Entsetzliches getan hat, aber es war mir wichtig, ihre menschlichen Seiten zu erforschen und zu zeigen. Für mich besitzt die Bathory in ihrem Wahnsinn und ihrer ganzen Boshaftigkeit etwas zutiefst Humanes. Man könnte sie mit Medea vergleichen, die ihre Kinder tötet. Jedenfalls wollte ich kein eindimensionales Monster aus ihr machen.
Ist DIE GRÄFIN ein feministischer Film?
Ich wuchs mit zwei Feministen auf - meine Mutter bekannte sich dazu und noch mehr mein Vater - und ich stehe aus irgendeinem Grund definitiv auf Frauengeschichten aus weiblicher Sicht. Frauenfiguren werden oft nur eindimensional oder mit ein paar wenigen Charakterzügen dargestellt. Mit DIE GRÄFIN wollte ich eine Person schaffen, die vielschichtiger ist. Sie ist wahnsinnig, aber auch zurechnungsfähig und intelligent. Sie denkt logisch und ist doch konfus, manchmal ist sie gutherzig, aber auch haarsträubend grausam. Ich finde komplexe Verhaltensmuster überaus interessant und wollte dieses Thema an der Geschichte dieser Frau ausloten. Der Film zeigt auch eine Männerwelt mit nur einer mächtigen Frau unter ihnen, die von diesen Männern zum Opfer gemacht wird, mit den Mitteln der Liebe und mit Machtspielchen. Selbst wenn sie stark zu sein scheint, ist sie doch auch sehr zerbrechlich. Ich habe mit einer bestimmten Richtung des Feminismus Probleme, für die Frauen grundsätzlich bessere Menschen sind als Männer. Ich bin der Meinung, das hängt ganz von der Person ab. Einige Frauen sind ganz und gar nicht besser. Immerhin sind es Frauen, die in einigen Ländern kleine Mädchen genital verstümmeln. Und doch bin ich sehr für die Gleichberechtigung und für Chancengleichheit, von der wir aber fast überall auf der Welt und selbst in unseren Ländern noch weit entfernt sind. Als ich zu schreiben begann, litt ich sehr unter der Vorstellung, man könnte mich auslachen, weil ich eine Frau und eine Schauspielerin und irgendwie hübsch bin. Viele vermuten bei einer Frau auch nicht meine Art von Humor, vorlaut und politisch völlig unkorrekt.
Sie zeigen nicht viel Blut in DIE GRÄFIN.
Nein, ich wollte ja auch keinen Horrorfilm drehen. Dazu muss man schon eine perfide Lust am Zeigen von Blut und Schmerz haben, das geht heutzutage ja schon fast ins Pornografische, zum Beispiel in Filmen wie SAW. In meinem Film benutze ich Blut immer sinnbildlich, wenn es fließt, muss es etwas aussagen, wie beispielsweise in der Szene, in der die Bathory sich die Haare ihres Geliebten unter die Haut näht. Für mich symbolisiert diese Szene die ganze Schmerzhaftigkeit ihrer Liebe. Sie sollte auch an Jesus erinnern, wie er seine Finger in die Wunden legt, an religiöse Ikonen.
Hat sich das Drehbuch von der ersten bis zur endgültigen Version sehr verändert?
Ja. Meine erste Version war viel zu konzeptuell. Ursprünglich wollte ich ohne Kulissen drehen, aber dann kam DOGVILLE von Lars von Trier, und damit hatte sich das erledigt. Das Buch ist durch viele Hände gegangen, und das hat automatisch Änderungen zur Folge. Einiges ging verloren, aber mit Sicherheit hat das Buch auch gewonnen. Andererseits kann es gefährlich sein, wenn man im Laufe eines kreativen Prozesses zu viel ändert, dann droht Beliebigkeit. Schreiben und sofort drehen, ohne viel Aufwand oder riesiges Budget, das ist meine Idealvorstellung vom Filmemachen. Bei einem historischen Kostümfilm lässt sich das aber kaum machen. Da muss man Kompromisse eingehen.
Warum haben Sie neben Drehbuchschreiben und Regieführen auch noch die Hauptrolle übernommen?
In einem ganz frühen Stadium des Projekts wollte ich die Gräfin unbedingt selbst spielen, doch nach einer Weile sagte ich mir, es wäre vielleicht besser, nur zu inszenieren. Und fing an, mich nach einer geeigneten Darstellerin umzusehen. Die Frauen, die einigermaßen prominent waren, hatten jedoch Berührungsängste mit der Rolle. Und die, die Interesse hatten, waren leider nicht bekannt genug, um die Finanzierung des Projekts zu erleichtern. Dass ich die Rolle schließlich selbst übernahm, bedauere ich nicht. Aber bei jedem Film muss ich das nicht haben - denn es war manchmal ganz schön anstrengend. Im Ernst, während des Drehs sind mir die ersten grauen Haare gewachsen.
Wie kam die Besetzung zustande?
William Hurt ist ein Schauspieler, den ich immer sehr bewundert habe. Ich brauchte für die Rolle des Grafen Thurzo einen Darsteller mit starkem Charisma, der gleichzeitig sehr ruhig wirkt. Einen echten Männer-Mann, kalt, sehr germanisch, emotionslos, getrieben, nicht unbedingt ein Freund der Frauen. Um diese Aspekte zu betonen, habe ich Daniel Brühl für die Rolle des Sohns gewählt, denn er ist das Gegenteil des Grafen: sensibel, fast schon schwach, ein wenig kindlich, auf jeden Fall kein Playboy und durch und durch gut. Vor dem Dreh habe ich zu Daniel gesagt: Treib bloß nicht zu viel Sport! Vom Typ her finde ich ihn einmalig. Die meisten Schauspieler in seinem Alter wirken auf mich viel zu selbstsicher und eitel, Daniel überhaupt nicht! Was die übrigen Schauspieler angeht, so fand ich sie bei Castings. Als ich Anamaria Marinca traf, konnte ich kaum glauben, dass sie die Heldin aus 4 MONATE, 3 WOCHEN, 2 TAGE ist, weil sie darin ganz anders aussah. Dafür wusste ich sofort, dass sie Erzebets Vertraute Darvulia spielen würde. Denn sie strahlt eine natürliche Empathie aus, die mir für diese Rolle wichtig erschien. Auch Anna Maria Mühe habe ich vom Fleck weg engagiert. Sie besitzt eine unvergleichlich reine, zerbrechliche Aura, und ihr Gesicht ist einzigartig, manchmal erinnerte sie mich an eine Porzellanpuppe. Ich mag sie sehr. Sie ist nicht sehr lange zu sehen und hat kaum Dialoge, aber sie spielt eine der Schlüsselfiguren des Films: das erste Opfer der Gräfin.
Liegt es Ihnen, am Set zu improvisieren? Ist das bei einem Dreh wie DIE GRÄFIN überhaupt möglich?
Auch wenn viele denken, 2 TAGE PARIS wäre vollständig improvisiert worden, muss ich sagen, dass ich mir bei DIE GRÄFIN mehr Freiheiten erlaubt habe. Was nicht heißen soll, dass ich nicht vorbereitet war. Aber manche Szenen konnten wir im Vorfeld nicht bis ins letzte Detail ausfeilen. Ich wünschte, ich wäre Alfred Hitchcock, der in dieser Hinsicht geradezu manisch war. Je besser man vorbereitet ist, desto stressloser läuft es am Set. Das ist eine Erfahrung, die ich in all den Jahren gemacht habe. Wenn es unerwartete Probleme gibt, diese kleinen Dramen, die bei keinem Dreh ausbleiben - eine Kulisse, die doch nicht so ausfällt, wie man gehofft hatte, oder Statisten, die weniger zahlreich erscheinen als geplant - reagiert man einfach gelassener. Für mich ist das Geheimnis eines guten Films, dass man genügend Zeit hat, sich intensiv vorzubereiten.
Für Hitchcock war die Vorbereitung eines Films die interessanteste Phase. Das Drehen an sich mochte er weniger. Wie ist das bei Ihnen?
Jeder Dreh bedeutet Ärger und Aufregung, das stimmt. Ich glaube, ich habe nicht einen Film gemacht, bei dem es total entspannt zuging. Nie hat man genug Zeit, nie reicht das Geld! Offen gestanden empfand ich die Tage am Set von DIE GRÄFIN, an denen ich nur inszeniert habe und nicht auch noch spielen musste, als extrem angenehm. Vielleicht sollte ich mal einen Film schreiben, in dem es nur Männerrollen gibt. Damit entfiele immerhin die Versuchung, selbst mitzuspielen. Wenn man Regie führt und zugleich eine Rolle spielt, mangelt es einem hin und wieder am nötigen Abstand, die Dinge objektiv zu beurteilen. Grundsätzlich würde ich mir jedoch ein gutes Gespür dafür bescheinigen, ob eine Szene funktioniert, ob sie so geworden ist, wie ich mir das vorgestellt hatte. Beim Schnitt stellt man dann natürlich häufiger fest, dass Szenen, die für sich genommen gut funktionieren, trotzdem nicht so recht ins Gesamtbild passen. Das ist die Phase, in der man das Beste aus dem Material zu machen versucht, das einem zur Verfügung steht. Es fällt mir nicht schwer, Szenen, die mich nicht restlos überzeugen, rauszuschmeißen - es sei denn, sie sind für das Verständnis der Handlung unabdingbar. Hitchcock hatte den Schnitt seiner Filme praktisch schon vor Drehbeginn im Kopf, aber er war auch ein Genie. Davon bin ich leider weit entfernt.
Viele Schauspieler sagen, es sei angenehmer, unter Regisseuren zu arbeiten, die selbst Schauspieler sind oder waren.
Ob das auch für mich gilt, müssen Sie die Schauspieler meines Films selbst fragen. Ich kann nur sagen, dass ich sehr gut mit meinen Schauspielerinnen auskomme. Da gibt es seltsamerweise überhaupt kein Konkurrenzdenken und -gehabe. Ich bin eine Frau, die Schauspielerinnen wirklich mag und im besten Licht zeigen möchte. Wenn es mal Konflikte gibt, dann eher mit den Kerlen am Set. Männliche Darsteller sind zwar auch fragile Wesen, aber damit umzugehen, fällt mir deutlich schwerer. Letztlich lasse ich allen meinen Schauspielern die Zeit, die sie brauchen, und schenke ihnen viel Aufmerksamkeit. Denn was unterm Strich zählt, sind das Gesicht eines Darstellers dort oben auf der Leinwand und sein Spiel. Ob das Licht perfekt ist oder die Kamerabewegungen besonders toll, empfinde ich als zweitrangig.
Was haben Sie von den Regisseuren gelernt, unter denen Sie in den letzten 25 Jahren gearbeitet haben?
Dass man gut vorbereitet sein muss. Dass man sich seiner Schwächen bewusst sein sollte. Barbet Schroeder, der ein guter Freund von mir ist, hat mal zu mir gesagt: "Ein guter Regisseur zeichnet sich dadurch aus, dass er anderen zuhören kann. Denn die Menschen an einem Filmset sind in der Regel kreative Menschen. Borniertheit bringt einen da nicht weiter."
Ein Gespräch mit Daniel Brühl
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Verstehen Sie sich mit Julie Delpy inzwischen schon ohne Worte?
Na ja, bei 2 TAGE PARIS hatten wir leider nur kurz das Vergnügen miteinander. Aber es war eine so tolle Zeit, dass ich unbedingt noch mal mit ihr drehen wollte. Und tatsächlich rief sie mich kurz darauf an und erzählte, dass sie einen weiteren Film plane. Darin bekäme ich eine größere Rolle, und es sei auch etwas ganz anderes als 2 TAGE PARIS. Ich sagte sofort zu. Als sie mir dann verriet, dass die Geschichte von der Gräfin Bathory handelt, war ich natürlich noch gespannter.
Kannten Sie sie?
Ja, ich habe vor einiger Zeit eine Biografie über sie gelesen. Ich weiß noch, dass ich dachte, man müsste daraus unbedingt einen Film machen. Sehr behutsam natürlich, damit es kein billiger Splatterfilm wird, bei dem es nur um Mord und Totschlag und Blutvergießen geht. Das zu vermeiden, ist Julie wahnsinnig gut gelungen. Denn sie erzählt eine ernsthafte, stimmige Geschichte über eine interessante, merkwürdige, faszinierende Frau. Julie kann einfach toll schreiben. Das Skript war eins dieser Drehbücher, die man nicht zur Seite legt. Es hatte für mich keine Längen, es las sich sehr dynamisch und hier und da sogar recht modern, besaß spannende Charaktere und war alles andere als verstaubt. Es war einfach ein rundes Drehbuch. Und für mich fiel nebenbei noch eine sehr schöne Rolle ab. Deswegen habe ich sehr schnell zugesagt.
Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben?
Was ich so toll finde an diesem Buch, ist, dass es keine eindeutig positiven oder negativen Figuren gibt. Jeder hat sein Geheimnis, jeder seine dunkle Seite. Meine Figur auch. Trotzdem würde ich sagen, dass Istvan Thurzo im Personengefüge des Films ein positiver Charakter ist, ein junger Mann mit romantischen Gefühlen. Er verliebt sich zum ersten Mal in seinem Leben so richtig - und dann gleich in diese ältere Frau. Aber sein Vater trennt die beiden, weil die Verbindung nicht sein darf. Das Großartige für mich war, dass ich verschiedene Phasen im Leben dieser Figur spielen durfte. Wir lernen Istvan als 20-jährigen kennen, dann wird er von Erzebet getrennt, kehrt später noch einmal zurück, da ist er von seinem Vater aber schon so weit umerzogen und indoktriniert worden, dass er in dessen Auftrag beweisen soll, dass sie schuldig ist. Für sich selbst will er allerdings auch herausfinden, ob sie diese Gräueltaten wirklich begangen hat oder nicht. Und dann ist Istvan natürlich die Figur, die die ganze Geschichte aus dem Off erzählt.
Wie haben Sie die Dreharbeiten erlebt?
Ich drehte an wunderbaren Locations: in Burgen, Schlössern und im Freien, auf Pferderücken. Es ist immer schöner, in Originalkulissen zu spielen als im Studio, wo alles aus Pappmaché und unecht ist. Weil sie eine ganz andere Aura besitzen und eine einzigartige Atmosphäre verströmen. Ich war erstaunt, wie viele hübsche Burgen es im Osten Deutschlands gibt und wie toll sie erhalten sind.
Was für eine Regisseurin ist Julie Delpy?
Sie ist ungeheuer sensibel und ohne diese Attitüden, die manche Regisseure an den Tag legen. Sie lässt auch nicht den Chef raushängen, sie war ganz cool bei der Sache. Als Schauspielerin weiß sie außerdem, wie sie mit Schauspielern reden muss. Und nebenbei hat sie einen großartigen Sinn für Humor, das finde ich total wichtig. Und das macht die Arbeit mit ihr so angenehm. Selbst bei den tollsten Drehbüchern gibt es immer wieder Momente, wo man vor der Kamera steht und spürt, hier stimmt etwas nicht, das lässt sich nicht sprechen, irgendwie ist es nicht stimmig. Das kam selten vor, aber in diesen Situationen war sie total flexibel und hatte schnell gute Lösungen parat. Obwohl es uns Schauspielern nicht erlaubt war, habe ich manchmal heimlich auf den Monitor geguckt, und was ich da sah, wirkte ganz toll. Ich war total begeistert von der Arbeit des Kameramanns Martin Ruhe.
Wie fühlte es sich an, in Kostümen zu spielen?
Für mich war das ein weiteres Highlight des Films. Pierre-Yves Gayraud hat unglaubliche Kunstwerke hergestellt. Zum Teil aus alten Stoffen - 100 oder 150 Jahre alte Gardinen oder Kleider, die er umgeschneidert hat. Das sah überhaupt nicht verkleidet aus. Es passte zu uns und saß wie angegossen. Kostüme helfen dabei, solche historischen Rollen zu spielen. Weil man sich ganz anders bewegt; auch die Stiefel, die man trägt, sorgen gleich für einen anderen Gang. Ich fühlte mich sehr wohl darin. Für die Frauen war es wahrscheinlich unangenehmer, mit all diesen Korsetts und eng geschnürten Kleidern. Wenn es Mittagessen gab, sah man sie immer nur mit einem Schälchen Salat, mehr wäre bei den Kostümen auch nicht drin gewesen. Da hatten wir Männer es schon leichter.
DIE GRÄFIN ist nicht der erste Film, den Sie auf Englisch drehen. Empfinden Sie das immer noch als eine Herausforderung?
Bei diesem Film gab es sogar eine doppelte Problematik. Er spielt ja in einer früheren Epoche, und da denkt man automatisch, man müsste anders reden. Außerdem wollte ich versuchen, wie William Hurt zu klingen, weil wir nun mal Vater und Sohn spielen. William war sehr nett und näherte sich seinerseits meinem Akzent an. Manchmal hatte ich Angst, dass er am Ende deutscher klingt als ich.
Wie war die Zusammenarbeit mit ihm?
Spannend. Ich habe seine Filme so häufig gesehen, insbesondere die, als er noch jünger war und häufig etwas Gefährliches, Unnahbares hatte. Da denkt man dann, Person und Figuren wären deckungsgleich. Als ich mit ihm probte und drehte, wirkte er tatsächlich genau so. Ich glaube, er genoss es, mitunter jenseits der Kamera in seiner Rolle zu bleiben. Man wusste nie, was kam. Er konnte einen überraschen und Dinge erzählen, die einen perplex machten. Und dann gab es den privaten William Hurt am Billardtisch in unserem Hotel, wo er deutlich entspannter war. Wir tranken Bier, spielten Poolbillard - und ich ließ ihn gewinnen. Dabei sind wir uns schon näher gekommen.
JULIE DELPY DANIEL BRÜHL WILLIAM HURT



